Was bedeutet neurodivergent?

Vielleicht bist du dem Begriff neurodivergent schon in den sozialen Medien, in einem Podcast oder im Gespräch mit anderen begegnet. Viele Frauen beginnen sich erst im Erwachsenenalter mit diesem Thema auseinanderzusetzen und fragen sich, ob sie selbst neurodivergent sein könnten. In diesem Artikel erfährst du, was Neurodivergenz bedeutet und warum sie bei Frauen häufig lange unerkannt bleibt.


Neurodivergenz beschreibt Vielfalt — keine Krankheit

Der Begriff neurodivergent stammt aus der Neurodiversitätsbewegung. Er beschreibt Menschen, deren Gehirn und Nervensystem anders funktionieren als der «neurotypische» Durchschnitt. Es geht also um eine von der Mehrheit abweichende, aber nicht defizitäre Art der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens und Verhaltens.

Neurodivergenz selbst ist keine medizinische Diagnose. Der Begriff beschreibt neurologische Vielfalt. Einige neurodivergente Ausprägungen — etwa ADHS oder Autismus — sind gleichzeitig medizinische Diagnosen.


Welche Formen von Neurodivergenz gibt es?

Zu den häufigsten neurodivergenten Ausprägungen zählen unter anderem:

  • ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)
  • Autismus-Spektrum-Störung (ASS)
  • AuDHS (Kombination von ADHS und Autismus)
  • Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Schwäche)
  • Dyskalkulie (Rechenschwäche)

Manche Menschen zählen auch Hochsensitivität oder Hochsensibilität zur Neurodivergenz. Ihre wissenschaftliche Einordnung ist allerdings nicht eindeutig.

Diese Begriffe sind medizinisch oder psychologisch unterschiedlich definiert und lassen sich nicht immer klar voneinander abgrenzen. Viele Menschen zeigen Merkmale aus mehreren Bereichen.

Heute weiss man, dass ADHS und Autismus deutlich häufiger gemeinsam auftreten, als früher angenommen wurde. Für diese Überschneidung wird zunehmend der Begriff AuDHS verwendet. Dabei handelt es sich nicht um eine eigenständige Diagnose, sondern um eine gebräuchliche Bezeichnung für das gleichzeitige Vorliegen von ADHS und Autismus.

Viele Betroffene erleben eine Mischung aus Merkmalen beider Bereiche — etwa eine hohe Reizoffenheit, besondere Wahrnehmungsstärken und gleichzeitig Herausforderungen in Struktur, Selbstregulation oder sozialer Orientierung. Für viele fühlt sich der Begriff AuDHS stimmig an, weil sie sich weder ausschliesslich im Autismus-Spektrum noch allein im ADHS wiederfinden.

Insgesamt handelt es sich weniger um feste «Schubladen» als um ein Spektrum mit fliessenden Übergängen.


Feine Antennen und hohe Reizoffenheit

Was viele — aber nicht alle — neurodivergente Menschen verbindet, ist eine besondere Art der Wahrnehmung. Oft sind sie sehr empfänglich für Reize, haben feine Antennen für Stimmungen, Details oder soziale Dynamiken. Viele verfügen zudem über einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Ihr Nervensystem verarbeitet Informationen anders — häufig intensiver oder mit einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Reizen. Dadurch kann es leichter zu einer Reizüberflutung kommen.

Diese Art der Wahrnehmung kann eine grosse Stärke sein. Gleichzeitig kann sie im Alltag herausfordernd werden — besonders dann, wenn das Umfeld wenig Verständnis zeigt oder sich stark an einer vermeintlichen «Norm» orientiert.


Wie viele Menschen sind neurodivergent?

Je nach Definition und Quelle gelten etwa 20 bis 30 % der Bevölkerung als neurodivergent. Der restliche Teil — rund 70 bis 80 % — wird als neurotypisch bezeichnet. Das bedeutet: Ihr Nervensystem funktioniert so, wie es gesellschaftlich als «typisch» angesehen wird.


Warum Neurodivergenz bei Frauen häufig unerkannt bleibt

Viele Frauen entdecken ihre Neurodivergenz erst spät — oft im Erwachsenenalter. Besonders ADHS oder Autismus werden bei Mädchen und Frauen noch immer häufig übersehen. Viele lernen schon früh, ihre Schwierigkeiten zu überspielen, sich anzupassen oder ihre Umgebung genau zu beobachten, um möglichst nicht aufzufallen. Dieses sogenannte Masking kann viel Kraft kosten und langfristig zu Erschöpfung führen.

Eine späte oder fehlende Einordnung kann Selbstzweifel, Überforderung oder chronischen Stress verstärken. Manche Frauen entwickeln im Laufe ihres Lebens auch Begleiterkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, Burnout oder Suchterkrankungen. Deshalb kann es sinnvoll sein, bei anhaltenden Schwierigkeiten fachlich abklären zu lassen, ob eine bisher unerkannte Neurodivergenz — beispielsweise ADHS oder Autismus — eine Rolle spielt.

Mehr Wissen, Offenheit und Akzeptanz können entlastend wirken. Sie helfen neurodivergenten Frauen, ihre Stärken besser zu verstehen, ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen und ihren eigenen Weg zu finden.

Neurodiversität erinnert uns daran, dass nicht alle Menschen gleich ticken. Und genau diese Vielfalt bereichert unsere Welt.


Viele neurodivergente Frauen kennen das Gefühl von Reizüberflutung, Erschöpfung oder ständigem Grübeln. Wie Achtsamkeit, Natur und Kreativität dabei unterstützen können, erfährst du im Blogartikel «Wie Achtsamkeit, Natur und Kreativität bei Reizüberflutung helfen».


Neurodivergenz & meine Angebote

Alle meine Angebote sind offen für neurodivergente Frauen — ganz gleich, ob mit einer Diagnose, einer Vermutung oder einfach dem Gefühl, dass sie anders wahrnehmen und erleben.

Sie sind achtsam gestaltet, stärken die Selbstwahrnehmung und schaffen Raum für individuelles Erleben — ohne Leistungsdruck und ohne das Gefühl, sich verstellen oder anpassen zu müssen.

Ganz besonders richtet sich mein Achtsamkeitstraining in der Natur an feinfühlige und neurodivergente Frauen, die sich nach mehr Ruhe, Verbindung und innerer Klarheit sehnen. Gemeinsam entdecken wir, wie Achtsamkeit und Natur dabei unterstützen können, das eigene Nervensystem besser zu verstehen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und neue Kraft zu schöpfen.

Hier erfährst du mehr: Achtsamkeitskurs für neurodivergente Frauen

Mehr zum Thema Grübeln und Gedankenkreisen: Ich denke zu viel.


Sandra Baumann, Gestaltungs- und Maltherapeutin sowie Achtsamkeitstrainerin in der Natur
Zuletzt aktualisiert: 06.07.2026

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Gelbe Blumen im Atelier von Sandra Baumann